"Am 10. Julius. Die alberne Figur, die ich mache, wenn in Gesellschaft von ihr gesprochen wird, solltest du sehen! Wenn man mich nun gar fragt, wie sie mir gefällt? – gefällt! Das Wort hasse ich auf den Tod. [...] Gefällt! Neulich fragte mich einer, wie mir Ossian gefiele!" (Goethe, Die Leiden des jungen Werther, 1774)
Etymologische Lexika geben als belegte Erstverwendung des englischen Wortes "Authenticity" (Authentizität) 1760 an; am 16. August 1760 schreibt David Hume in einem Brief über die Gedichte Ossians an einen unbekannten Empfänger:
"Mr. Gray should have entertained suspicions with regard to the authenticity of these fragments of our Highland poetry".
Worum geht es? 1760 veröffentlichte der Edingburgher Literatur- und Rhetorikprofessor Hugh Blair "Fragments of Ancient Poetry", Übersetzungen alt-gälischer "Gesänge" - Gesänge im Sinne rhapsodischer Dichtung, wie der altgriechischen Odyssee oder Ilias vor ihrer Niederschrift, mündlich überliefert; gesammelt vom schottischen Hauslehrer MacPherson.
John Home, ehemaliger schottischer Soldat und 1760 Dichter und Dramatiker, der selber kein Gälisch konnte, hatte MacPherson in Moffat kennengelernt, und diesen gebeten, ihm einige altgälische Gedichte, von denen MacPherson berichtete, zu übersetzen.
Diese Übersetzungen brachte John Home nach Edingburgh. Dort zeigte er sie unter anderem dem Historiker Robertson, dem (im Brief erwähnten) englischen Dichter Thomas Gray, Hume sowie Hugh Blair, welcher sie schliesslich veröffentlichte.
Humes zitierter Brief an einen unbekannten Empfänger dient dazu, eine Subskription zu bewerben, die MacPherson erlauben sollte, seine Tätigkeit als Hauslehrer aufzugeben, um weitere Fragmente der mündlichen Überlieferungen in den Highlands zu sammeln.
Woran zweifelt 1760, wer Zweifel an der Authentizität von etwas oder jemandem hat?
Zunächst einmal kann man Humes ersten Brief entnehmen, was ausser Zweifel steht, oder eine andere Frage ist:
- Nicht in Frage steht die
Schönheit ("Beauty") der Gedichte. Authentizität ist also keine rein ästhetische Frage - es ist vorstellbar, dass etwas schön, aber nicht authentisch ist - und umgekehrt.
- Ausser Frage wird auch gestellt, dass in den Gedichten
Tatsachen und historischen Ereignisse (Reality, historical truth) dargestellt und bewahrt sind.
Am ausführlichsten diskutiert Hume die Frage des Alters (Antiquity) der überlieferten Gesänge - und behandelt diese Frage getrennt von jener der Authentizität.
- Und zuletzt ist Authentizität keine Frage der Politik, der politischen Überzeugung oder Haltung. 15 Jahre nach Niederschlagung des letzten Jakobitenaufstandes ist Humes Schlussbemerkung, sicherlich begrüsse sein und anderer schottischer Nationalstolz die Entdeckung, ein politisches Bekenntnis - Nationalstolz, der, in Humes eigenen Worten, "ein wenig stark sei". Allerdings sei gerade Thomas Grays Anerkennung der dichterischen Qualität der Gesänge, die Anerkennung eines Engländers also (auch wenn dieser an der Authentizität zweifele), ein Hinweis, dass nicht bloss übertriebener Patriotismus der eigentliche Grund sei, weitere Gesänge des Ossian zu sammeln, zu übersetzen und zu veröffentlichen.